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11. Februar 2010
Veröffentlicht in der gedruckten Ausgabe der Badischen Zeitung.
von: Gerhard M. Kirk
"Wir sind eine zahme Zunft" Zum dritten Mal in ihrer 75-jährigen Geschichte sind die Bächleputzer die Protektoratszunft der Freiburger Fasnet.
Karikatur Bächleputzer Foto: privat

Wenn man mal infiziert ist, bleibt man bis zu seinem Lebensende dabei." Georg Eiber hat sich 1980 angesteckt und ist auch heute mit seinen siebzig Jahren noch in der Zunft der Bächleputzer aktiv. Sie ist in diesem Jahr – zu ihrem 75. Geburtstag – die Protektoratszunft der Freiburger Fasnet (zum dritten Mal nach 1953 und 1986), was neben viel Arbeit die Ehre mit sich bringt, den Fasnet-Mendig-Umzug anzuführen.
Das hätten sich jene Herren wohl nicht träumen lassen, die vor etwa 120 Jahren in einem Raucher-Club die Geselligkeit pflegten. Bis ihnen der blaue Dunst womöglich zu viel wurde oder zu wenig war und sie sich dem Männergesangverein "Fidelitas" anschlossen, der in der "Harmonie" sein Vereinslokal hatte. Als einigen dann die Singerei ebenfalls zu viel wurde oder zu wenig war, taten sie sich, angeführt vom "Vorsänger" Bert Eggert, zusammen und gründeten 1935 die Zunft der Bächleputzer. Ein stadtbekannte Humorist sei dieser Eggert Bertl, von Beruf Sattler, gewesen, weiß Georg Eiber. Und so nahmen die stimmgewaltigen Spaßvögel als "Saubermänner" mit ihrer Narrengestalt jene städtische Arbeiter auf die Schippe, die mit ihren Reisigbesen den Unrat aus den Bächle fegten. Werbung
Eine Maske trugen die Bächleputzer damals noch nicht. Erst 1971 (damals durften schon seit zehn Jahren auch Frauen zünftig mitmachen) entstand nach einer Idee des Freiburger Bildhauers Wilhelm von Kittlitz eine "Drehmaske": Aus den Augenbrauen wird ein Bart, aus den Mundlöchern werden die Augen. In dieser für die Freiburger Fasnet einmalige Maske lebt übrigens auch jener Eggert Bertl fort, der nicht nur ein großer Schalk war, sondern auch enorm buschige Augenbrauen hatte, an die die in Simonswald geschnitzte Maske bis heute erinnert. Ganz ohne Schabernack erinnert die Zunft freilich noch immer an jenen fast ausgestorbenen Beruf der Bächleputzer, von denen einst täglich 30 bis 40 fegend in der Stadt unterwegs waren. Wie deren Arbeitsalltag heute ist, wollten vor kurzem zwei junge Frauen ganz genau wissen und machten vor ihrer Aufnahme in die Zunft einen Tag lang ein Praktikum bei den zwei echten Bächleputzern.
Apropos Nachwuchs. Für Vizezunftvögtin Monika Richards könnte es ruhig ein bisschen mehr sein. Neben 30 aktiven und 60 passiven Mitgliedern machen zwar ein Dutzend Kinder und Jugendliche als Narresome mit. Doch es mangelt vor allem an jungen Männern. "Die werden eher von von Musiken und Hexen-Zünften angezogen", beobachtet Monika Richards, die im richtigen Leben als Verwaltungsangestellte in der Universitätsklinik arbeitet. Außerdem, meint Georg Eiber, der vor seinem Ruhestand als Busfahrer auch Achse war: "Wir sind eine zahme Zunft, die nicht auf der Straße rumtobt."
Eine Zunft, die sich wie die anderen als eingeschworene Gemeinschaft versteht und Generationen übergreifend ist. Ein Beispiel dafür ist die 41-jährige Monika Richards mit ihrer zweijährigen Tochter Megan und ihrer 68-jährigen Mutter Helga Voigt, die ebenso mitmachen wie das älteste Mitglied Heiner Rueb mit Mitte 70. "Wir sind eine gute Gemeinschaft, unternehmen auch außerhalb der Fasnet viel miteinander, und über die Breisgauer Narrenzunft lernt man unheimlich viele Leute kennen." Vor allem fasziniert sie die Unterschiedlichkeit der Menschen, die sie bei diesen Gelegenheiten trifft. "Das find’ ich einfach schön an der Fasnet."
Die für die Zunft der Bächleputzer, die während der vergangenen 75 Jahre lediglich fünf Zunftvögte hatte und mit Heike Herbstritt zum ersten Mal eine Zunftvögtin hat, mit festen Regeln verbunden ist. So wird immer am Schmutzige Dunnschdig um 20 Uhr der Ignaz Fasnet (eine Symbolfigur der Freiburger Fasnet) ausgegraben, und am Fasnet-Dienstag um 22 Uhr wird er wieder begraben. Vor der Aufnahme in die Zunft gibt es ein Probejahr, in dem die Anwärterinnen und Anwärter das volle Programm des Zunftlebens mitmachen müssen: Schnurren im Katharina-Egg-Haus zum Beispiel, Sturm auf eine Schule und einen Kindergarten und die Werkstätten St. Georg, den Lumpenball im Vereinslokal "Ambiente" natürlich, die Straßenfasnet und den Umzug am Fasnet-Mendig sowieso. Das alles ist in den vier tollen Wochen von der Fasneteröffnung bis Aschermittwoch nicht ganz unanstrengend, lacht Georg Eiber, der keine Müdigkeit zu kennen scheint. "Schlaf kriegen wir genug, nur nicht zu den üblichen Schlafenszeiten."
Dass sie und die anderen aktiven Bächleputzer während dieser Zeit Urlaub nehmen, ist für Monika Richards selbstverständlich – "sonst macht’s keinen Spaß". Und wenn dann Aschermittwoch ist, "ist die Hälfte von uns erkältet". Überhaupt, diese Zeit danach, die hat es auch noch mal in sich. Georg Eiber erfährt es seit nunmehr dreißig Jahren. "Da kommt das Wochenende – kein Rambazamba mehr, keine Leute, das ist wie ein Loch." |